Unter der Oberfläche

Heute war es wieder einmal soweit: Psychotherapie. Nach vier endlos langen Wochen – so kam es mir zumindest vor – sass ich nun zum ersten Mal wieder in diesem Raum und starrte auf den Mülleimer unter ihrem Tisch. Ich starrte schon immer dort hin, wenn ich ihr nicht in die Augen sehen konnte. Und heute konnte ich ihr ganz besonders schlecht in die Augen sehen. Denn zwischen uns lag ein ganzer Monat voller Ereignisse, die in meinem Kopf bereit waren und aus mir rausplatzen wollten. Ich hatte mich sogar darauf gefreut, wieder hierher zu kommen. Es lag aber auch ein Monat zwischen uns, der mich vorsichtig machte. Nicht zu viel sagen. Nicht das Falsche sagen. Denn sonst könnte sie dich weniger mögen. Also kämpften in meinem Kopf zwei Seiten gegeneinander: mein Bedürfnis nicht abgelehnt zu werden und mein Bedürfnis mich zu öffnen. Beide fühlten sich zu existenziell an, um einen Kompromiss einzugehen. So konnte ich eine Weile lang nichts anderes tun als da zu sitzen und mir vor lauter Anspannung die Fingernägel ins Handgelenk zu drücken. Ich selber war still, doch meine Gedanken brüllten, so dass ich Angst hatte, man könne sie plötzlich hören. Also fing ich an zu erzählen. Ich hatte einen guten Monat, konnte mich besser von meinen Gefühlen distanzieren, hatte genug Ablenkung, meine Beziehung zu mir selber fühlte sich stabiler an. Meine Gedanken formten währenddessen eindringliche Befehle an mich selber. Sei nicht so naiv! Lüg nicht! Lass es raus! Sei ehrlich! Ich sah ihr in die Augen. Dass mein Monat auch Tiefpunkte und ich keinen Zugang mehr zu meinen Gefühlen hatte, ich nicht mehr weinen konnte, ich mich zu fest von allem ablenkte, meine Beziehung zu mir nur stabil war, weil sich ein roter Faden namens Selbsthass durch alles zog; das alles blieb unausgesprochen. Nach vier Wochen Pause war das aufgebaute Vertrauen in mir nicht mehr spürbar genug, um mich einfach so zu öffnen. Spürte sie, dass ich sie nicht unter die Oberfläche sehen liess? Dass da eigentlich Dinge waren, die angesprochen werden wollten? Wahrscheinlich waren meine nonverbalen Signale deutlich genug. Plötzlich wurde ich ungeduldig, weil sie nicht einfach direkt nach den Dingen fragte, die ich gerne sagen würde. Stattdessen begann sie das Vertrauen wieder aufzubauen. Stück für Stück liess sie mich spüren, dass sich in diesen vier Wochen nichts geändert hatte. Wahrscheinlich wäre das der Zeitpunkt gewesen, an dem ich über meinen Schatten hätte springen sollen. Doch meine übermässige Selbstkontrolle siegte. Ich steuerte ein Thema an, dass zwar dringend aber für den Anfang doch salonfähig genug war: Wutausbrüche.

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