Vollbremsung

Es geht mir besser als am Anfang des Jahres; ich kann alleine zu Hause sein, ohne von Panik überwältigt zu werden; ich erlebe nur moderate Wutausbrüche, bei denen niemand ernsthaft zu Schaden kommt; ich ertrage soziale Situationen ohne übermässige Schwierigkeiten; ich besuche einigermassen regelmässig meine Vorlesungen. Das sind alles Tatsachen, zumindest wenn man die letzten Tage betrachtet. Aber es sind nicht die Dinge, die ich hören möchte, wenn ich meine Hemmungen in den Hintergrund dränge und meinem Gegenüber sage, dass es mir im Moment schlecht geht. Trotzdem sitze ich jetzt da und lasse mir genau das Gegenteil davon erklären. Ressource reiht sich an Ressource. So viele Erfolge, so viele Besserungen. Mir geht es scheinbar blendend. Und sie muss es wissen, immerhin ist sie meine Psychotherapeutin. Seit über einem Jahr. Weshalb fühle ich mich dann vor den Kopf gestossen? Nicht ernst genommen. Wütend. Verletzt. Als ich noch einmal einen Versuch wage und dem Ganzen ein bisschen Nachdruck verleihen möchte, kommt der Trigger-Satz. «Das ist jetzt typisch für Sie, fünf Minuten vor Schluss noch jeglichen Fortschritt abzuwerten!» Autsch. Sie hat recht. Aber weh tut es trotzdem. Ich möchte gerne aufstehen und gehen. Wozu bin ich überhaupt da, wenn es mir ja so gut geht? Der Impuls lässt meine Füsse tänzeln aber ich bleibe stocksteif sitzen. Wut und Scham treiben mir eine heisse Röte ins Gesicht. Dann reisse ich mein mentales Steuer herum und zwinge mich zu einem konstruktiven Abschluss der Sitzung. Ich nicke, lächle, bestätige Termine. Weinen kann ich ja dann zu Hause.

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