Von Spiegelbildern und Dysmorphophobie

Wenn dir deine Psychotherapeutin sagt, sie bringe nächstes Mal einen Spiegel mit für eine Körperkonfrontationsübung, dann weisst du: dein Spiegelbild lügt dich an. Ok, wahrscheinlich lügt nicht dein Spiegelbild. DU lügst dich an. Vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst, vielleicht als Schutz. Auf jeden Fall siehst du nicht die ganze Wahrheit, wenn du dich so kritisch im Spiegel betrachtest, wie du es ständig tust. Wenn du es wenigstens mit Wohlwollen und Selbstakzeptanz tun würdest. Aber nein, deine Blicke sind kontrollierend, bewertend, entwürdigend, verzweifelt, vergleichend, suchend, findend. Du findest mit jedem Zentimeter, den du absuchst, eine weitere Zone der Schande, die eliminiert gehört. Du drehst dich vor dem Spiegel im Kreis, betrachtest dich von vorne und von hinten. Du erinnerst dich daran, wie du vor einer Weile ausgesehen hast. Damals hattest du noch 40kg mehr auf den Rippen. Jetzt sind diese 40 Mehlsäcke verschwunden. Aber du siehst sie immer noch. Eklig, nicht? Noch ein paar Kilo weniger, dann ist schon alles besser. Denkst du? Egal, wie sehr du an deiner überschüssigen Haut herumdrückst, du wirst sie so nicht einfach wegzaubern können. Diese Haut war vorher gefüllt mit Fett. Aber auch wenn sich dein BMI von 35 in eine Zahl, die dir das Blut in den Adern gefrieren lässt, verwandelt hat, kannst du es dennoch nicht sehen an deinem Körper. Das Fett ist immer noch da. Die Haut jetzt wie ein hässlicher Zusatzmakel. Egal, wie häufig du auf der Waage stehst, die Anzeige kritisch beäugst; sie lügt dich an. Ganz sicher! Zumindest kannst du dir nur so erklären, wie die Diskrepanz zwischen deiner Reflexion und dieser Zahl, die du da unten zwischen deinen Füssen siehst, zustande kommt. Auch wenn du dann den gefürchteten Schritt wagst und dich in der Umkleidekabine eines beliebigen H&Ms wiederfindest und drei verschiedene Grössen der gleichen Jeans anprobierst, weil du dir schlicht nicht mehr vorstellen kannst, welche Kleidergrösse du mittlerweile wohl hast. Auch dann bist du noch so überzeugt von deiner Wahrnehmung, dass auch die kleinste dieser drei Grössen noch zu gross ist für dich. Lügt jetzt auch noch die ganze Modeindustrie? Zweifel kommen in dir auf aber das kennst du ja eigentlich schon lange. Du zweifelst an dir, seit du im Sportunterricht als Einzige nicht ganz oben auf die Cheerleading-Pyramide durftest, weil dich schlicht niemand tragen konnte. Du zweifelst an dir, seit dir die Krankenkasse keinen Rappen an deine notwendige Brustverkleinerung gezahlt hat, weil dein BMI damals 27 anstatt 25 betrug und du somit zu dick warst. Du zweifelst an dir, seit du dich zum ersten Mal über das Klo gebeugt und dir den Finger in den Hals gesteckt hast, weil du einen gefühlten ganzen Süssigkeitenladen leer gefressen hast. Vielleicht war es auch nur eine Tafel Schokolade. Ist das überhaupt wichtig? Ich weiss, du könntest jetzt noch hundert weitere Gründe liefern, weshalb du ganz und gar im Recht bist, an dir zu zweifeln. All diese Gründe sind nicht kleinzureden. Aber all diese Gründe sollten dir auch zeigen, dass du wahrscheinlich auch ohne Gewichtsprobleme eine von nagenden Selbstzweifel geplagte Person bist. Daran ändert auch eine kleiner werdende Kleidergrösse nichts. Zumindest nicht komplett. Aber du musst das, was ich dir sage, jetzt auch nicht einfach glauben. Die Tatsache, dass du diesen Text schreibst, zeigt eigentlich schon, dass du an dir arbeitest. Es braucht einfach Zeit. Vielleicht kannst du ihn ja sogar schon bald einmal in der Ich-Form annehmen für dich, wenn du dazu bereit bist. 

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