Selbstversuch

„Abheben“
Nun, da bin ich jetzt. Ich stehe im Zimmer und betrachte kritisch meinen türkisen Vaporisator, den ich (weil voll im Trend) gekauft habe. Mein Atem geht schnell, ich bin nervös. Obwohl es nicht mein erster Versuch ist. Nur bin ich mir bis heute nicht ganz sicher, ob der kleine Joint wirklich gewirkt hat. Wird sich gleich zeigen… Wahrscheinlich wird dieses Gras einfach überbewertet, denke ich mir. Unten höre ich meinen Mitbewohner und meine Mitbewohnerin aufräumen, wir hatten Besuch. Ziemlich angespannt führe ich das Mundstück an die Lippen und nehme einen vorsichtigen Zug. War da überhaupt Dampf dabei? Noch einmal versuche ich es, dieses Mal merke ich den warmen Dampf im Hals und der Lunge. Dann warte ich und setze mich aufs Bett. War das genug? Ich nehme noch einmal einen Zug. Einen grossen, tiefen. Nervös stehe ich auf und beginne in der Wohnung umher zu laufen. Die anderen sind immer noch in der Küche. Nach ein paar Minuten habe ich das Gefühl, ein Kribbeln in der Brust zu spüren. Placebo-Effekt wahrscheinlich. Ich gehe wieder rauf, erhitze den Vaporisator noch einmal, atme den Dampf ein. Eigentlich schmeckt es gar nicht so schlecht. Den Dampfer noch immer in der Hand, beginne ich den Text hier zu schreiben. Dabei nehme ich noch einmal einen Zug. Und noch einen. Da spüre ich (sehr plötzlich) ein komisches Gefühl im Bauch. Irgendwie kribbelnd, wie wenn ich kurz vor einem Vortrag stehen würde, wo die Nervosität am stärksten ist. Ich stehe auf, laufe ins Schlafzimmer, ziehe dabei noch einmal am Dampfer und dann merke ich es ganz eindeutig. Im Bauch verbreitet sich ein warmes Kribbeln, das immer intensiver wird. Sehr schnell. Wirklich sehr intensiv. Jetzt ist es im ganzen Körper. Scheisse, jetzt passiert es! Es wird immer intensiver, darauf war ich nicht vorbereitet. Aber es ist wirklich toll! Aufgeregt laufe ich ins Bad und dann wieder ins Zimmer. Dabei läuft mir mein Mitbewohner entgegen. Er hebt die Hand für ein High-Five, ich schlage ein. Das war so cool! Lachend laufe ich ins Zimmer. Das Gefühl wird immer noch stärker. Ich lehne mich an die Wand und versuche, am Boden zu bleiben. Es fühlt sich an, wie wenn ich gleich abheben würde. Das Gefühl füllt mich völlig aus, ich kann nichts anderes tun als lächeln. Ein Gedanke schiesst mir durch den Kopf: Orgasmus! Genau so fühlt es sich an. Nur stärker. Viel stärker. Und mit dem grossen Unterschied, dass es nicht aufhört. Es wird einfach nicht schwächer. Im Gegenteil. Wow, krass, wenn das Gefühl noch stärker wird, dann platze ich vor Freude! Ich kann mich unmöglich stillhalten, renne die Treppe runter und laufe im im Wohnzimmer ein bisschen umher, lasse mich voll auf das Gefühl ein. Keine Ahnung wie lange ich das mache. Es ist einfach nur schön. Währenddessen setzt sich meine Mitbewohnerin ans Klavier, spielt ein bisschen. Es klingt genial. Aber sie hat kein Licht. Ich frage sie, ob sie Licht braucht und hole ihr die Lampe. Das kalte Metall an meiner Hand kühlt meinen ganzen Körper ab. Hat sie geantwortet? Sie starrt mich an. Da lache ich laut los und frage sie, was los sei. Sie beginnt von einem Kontaktlinsen-Mittel zu erzählen. Ich überlege, ob es ihr wohl jetzt hell genug ist und stelle die Lampe besser ein. Ihr Kopf genau im Rampenlicht. Ihre Haare sind wirklich wuschelig. Ich fühle mich einfach super. Sie sieht mich wieder an. Hat sie mich etwas gefragt? Ich sage schnell etwas und nicke zur Sicherheit. Was haben wir gerade besprochen? Habe ich etwas Logisches geantwortet? Habe ich überhaupt den Mund aufgemacht und geredet oder habe ich die Antworten nur gedacht? Sie fragt mich, ob alles in Ordnung sei. Da lache ich laut los und schwebe dann schnell davon, weil es mir irgendwie peinlich ist, hier so dumm herum zu stehen. Neben der Lampe. Während ich so umher gehe, merke ich, dass meine Gedanken zu springen beginnen. Sie bleiben nicht mehr lange genug bei einem Thema, um Sinn zu ergeben, es wird immer schwieriger konzentriert zu bleiben. Die Gedanken machen, was sie wollen. Irgendwie macht mir das ein bisschen Angst. Ich beschliesse, die Zähne zu putzen. Wie sich herausstellt, habe ich mir noch nie zuvor überlegt, dass Zähne ja auch Nervenenden in sich haben und sich diese Empfindung durchs Kiffen verstärken! Aber genau das tun sie. Ob Zahnärzte das wissen? Es dauert – wenn ich richtig rechne – ganze 25 Minuten, mir die Zähne zu putzen. Zum einen, weil ich nach jeder geputzten Zahnreihe sofort wieder vergessen hatte, ob ich diese Zahnreihe schon geputzt habe. Zum anderen, weil ich einfach nicht genug von diesem geilen Gefühl haben konnte. Jede auch so kleine Bewegung mit der Zahnbürste hat sich angefühlt wie eine Massage nach einem anstrengenden Tag. Ich grinse vor mich hin, während ich mit meinem Laptop ins Schlafzimmer laufe, denn in meinem Kopf sehe ich viele kleine Massage-Sessel mit weissen Zähnen drin, die sich stöhnend dem Genuss hingeben. Einfach niedlich!

„Gedankenrasen durch Gras(en)“
Das ist es, was ich gerade erlebe. Genau in diesem Moment. Meine Gedanken haben sich selbstständig gemacht und meine Vernunft, meine Kontrolle und meine Emotionen versklavt. Ich sitze im Bett und versuche mein Hirn wieder anzuleinen und Gedanken so zu ordnen, dass sie, einer nach dem anderen, in nützlichem zeitlichen Abstand, gedacht werden. Es fühlt sich so an, als dauerte es viele Minuten, bis ich einen kurzen Satz fertig geschrieben habe. Mein Kurzzeitgedächtnis ist am Arsch. Immer nach etwa 4-5 Wörtern beginne ich automatisch den Satz noch einmal von vorne zu lesen, weil ich ad hoc vergesse, was ich gerade schreibe bzw. geschrieben habe. Also sollte es gemäss meinem Zeitgefühl auch viel länger gehen, diesen jetzigen Satz zu beenden. Wenn ich jedoch nach einem gefühlten 20-Minuten-Schreibdauer-Satz auf die Uhranzeige schaue, sind noch keine zwanzig Sekunden vergangen! Jedes Mal (und pro Minute sind das viele Male) kann ich es kaum glauben, denn in meinem Kopf waren in diesen wenigen Sekunden so wahnsinnig viele Gedanken, die teilweise eine unglaubliche Komplexität aufzuweisen scheinen, dass es nicht logisch erfassbar ist, sie in nur 20 Sekunden gedacht zu haben. Dieser Satz ist jetzt so lang gewesen, dass er – wegen meiner völlig bekifften Situation – unmöglich Sinn ergeben sollte.  Oder etwa doch? Es wirkt auf mich, wie wenn ich jeden kleinen Bruchteil eines einfachen Gedankens noch viel exzessiver durchdenke, ihm noch viel weiter folge. Wohin nur? Doch die Zeit lügt nicht. Zwanzig Sekunden sind zwanzig Sekunden. Heisst das, meine Gedanken fühlen sich nur einnehmender an und sind es in Wahrheit gar nicht? Oder denke ich tatsächlich mehr, ist also meine Gehirnleistung gestiegen? Oder denke ich sogar viel weniger, missinterpretiere es aber als viel mehr? Machen diese Fragen überhaupt Sinn? Auf jeden Fall ist mir jetzt eines gänzlich klar. Cannabis wirkt tatsächlich auf das Gehirn. Und das Fühlen. Und ich als Psychologiestudentin mit Vorlesungen zu Neuropsychologie, deren Inhalte irgendwo aus meinem Unterbewusstsein heraus zu kriechen beginnen, fange an mir die tiefgründigsten Überlegungen darüber zu machen, ob Cannabis die Wahrnehmungen jeglicher sensorischer Teile des Körpers verstärkt. Also nicht nur das Hören oder Sehen oder Fühlen, sondern auch die Interozeption? Hahahaha! Interozeption ist ein verdammt lustiges Wort! Mir schiessen in kürzester Zeit mehrere neurobiologische Theorien durch den Kopf, die ich (wenn ich Wissenschaftlerin wäre) sofort untersuchen würde. Aber ich bin keine Wissenschaftlerin, nur Studentin. Die hier auf dem Bett sitzt, total bescheuert in die Tasten haut und alle paar Sekunden in lautes Gelächter ausbricht, weil sich das Wort Interozeption wieder in ihre Gedanken schleicht (haha!). Aber ich könnte Wissenschaftlerin werden, wenn ich nur nicht vergesse, was ich gerade für krasse Gedanken habe. Die Tatsache, dass ich so etwas denke wirkt wiederum gerade so unlogisch auf mich, dass ich mich frage, ob es sich genau so schlau anhören würde, wenn mich jemand anderes denken hören würde. Wieder reisst mein Gedanke ab. Zum millionsten Mal. Das kribbelnde Orgasmus-Gefühl ist noch nicht schwächer geworden, zumindest merke ich es nicht. Es ist toll. Aber es ist auch beängstigend. Was, wenn dieser Zustand anhält? Mein Herz beginnt zu springen. Scheisse! Nein, das kann nicht sein. Ich schreibe weiter. Lenke mich ab. Das Gefühl ist wirklich genial. Ich fühle und ich denke. Oder denkt es von selber? Die Gedanken sind so laut und wechseln sich so schnell ab. Ich kann mich kaum konzentrieren, habe die Kontrolle nicht mehr über mein Zeitgefühl. Wieder sind erst wenige Sekunden vergangen, die sich wie viele Minuten angefühlt haben. Ich möchte, das es aufhört. Möchte mein Hirn wieder normal benutzen können. Mein Herz beginnt wieder zu rasen. Vielleicht wird das so bleiben. Für immer. Panik kommt in mir auf. Was habe ich gerade geschrieben? Wieder lese ich die letzten zwei Sätze. Wieso vergesse ich alles. Wie wenn es einfach nicht gespeichert wird. Es ist furchtbar! Voller Angst schreibe ich eine Nachricht an meinen Freund. Oder ich versuche es zumindest. Aber auch das klappt nicht richtig. Ich verliere immer wieder den Faden, vergesse das Geschriebene, werde immer panischer. Ganz kurze Sätze. Hilferufe. Ich bin gefangen in meinem Gehirn, komme nicht raus, funktioniere nicht mehr. Bleibe ich jetzt so? Wie viele Nachrichten habe ich geschrieben? Eine Antwort: Bleib ruhig, es geht vorbei. Höchstens ein paar Stunden. Versuch dich abzulenken. Geniess das Gefühl, vergiss die Angst. Gute Idee. Ich stehe auf, hole mir meinen Musikplayer und beginne zu tanzen. Das ist schon besser. Die anderen schlafen schon mittlerweile. Ich bin allein. Das Lied dauert ungefähr eine Stunde. So fühlt es sich für mich an. Dann bin ich völlig erschöpft, lege mich hin. Fühle mich gut. Dann wird mir bewusst, dass erst drei Minuten vergangen sind seit der Nachricht. Scheisse! Ich muss noch Stunden aushalten und die Zeit scheint fast rückwärts zu laufen. Wieder werde ich panisch. Mein Herz rast, mein Atem ist jetzt eher ein Hecheln. Ich zittere, alles kribbelt. Am liebsten würde ich jetzt weinen. Aber meine Gedankenraserei  hält mich fest umklammert, verunmöglicht mir zur Ruhe zu kommen. Voller Angst lege ich mich hin und versuche zu schlafen. Zwinge mich ohne Erfolg. Die Zeit steht still. Ich bin allein. 

„Bruchlandung“
Die Nacht ging vorbei. Die Angstzustände blieben. Noch Tage danach erlebte ich immer wieder Panikattacken und Phasen absoluter Hoffnungslosigkeit. Ich war bei vielen PsychiaterInnen, nahm viele Beruhigungsmittel, konnte zwei Wochen lang nicht schlafen. Gar nicht. Mein Körper schmerzte, weil ich non-stop zitterte. Tag und Nacht. Es war der Horror. Das ist jetzt aber schon 1.5 Jahre her. Heute kann ich darüber lachen. Muss darüber lachen. Es ist mir nämlich ziemlich peinlich. Selbstverschuldete Psycho-Krise. Eine von vielen, die noch folgten und noch folgen werden. Auch wenn der Text nicht gerade kurz und knackig ist, mag ich ihn doch sehr. Für mich ist er ein etwas merkwürdiger Schnappschuss einer etwas merkwürdigen Erfahrung, die ich nicht so schnell wieder vergessen werde. 

2 Kommentare zu „Selbstversuch

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