Gespalten

Im Studium habe ich neulich eine interessante Skala für die Einordnung von Menschen mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung angetroffen. Dabei geht man von drei unterschiedlich ausgeprägten Strukturniveaus aus (wobei sich diese Krankheit generell durch eine schlecht integrierte Struktur auszeichnet (Randbemerkung: Wer hätte das gedacht)). Eine zentrale Grundannahme besteht nun darin, dass dieser Störung eine massive Angst zugrunde liegt, die einerseits zwar einen Schutz vor Leere und Langeweile bietet, andererseits aber zu massiver Anspannung führt (Randbemerkung: Nagel so was von auf den Kopf getroffen!). Die ohnehin schon schlecht integrierte Struktur ist dabei noch am solidesten, wenn sich die zugrundeliegende Angst in Form von Verlustängsten äussern. Etwas weniger gut ausgebildet ist die Struktur, wenn sich die Angst in diffuse Ängste umwandelt, die nicht an etwas Bestimmtem festgemacht werden können. Und die am wenigsten integrierte Struktur findet sich bei der sogenannten Angst vor dem Auseinanderfallen. Ich konnte mich sofort mit zwei von drei Stufen identifizieren. Mal herrscht die eine vor, mal die andere. Zumindest fühlt es sich so an für mich. Doch dieses ominöse Auseinanderfallen löste bei mir irgendwie ein Gefühl der Bedrohung und Bestätigung aus, das ich nicht einordnen konnte. Die Bezeichnung erschien mir sowohl absolut beängstigend wie auch unglaublich passend. Dann habe ich mich etwas mehr damit auseinandergesetzt und es zeigte sich schnell, dass meine gemischten Gefühle dazu wohl seine Gründe haben. Ich kenne diese Form der Angst nämlich sehr gut. Sie herrscht bei mir sozusagen ständig vor, befindet sich aber meistens in einem Bereich meines Vorbewusstseins (Randbemerkung: Das nehme ich jetzt einfach mal so an), so dass ich sie nicht immer bewusst als solche wahrnehme. Ausser wenn ich in Stress gerate. Oder wenn ich gerade in einer Krise der Stufe mindestens mittelschwer stecke. In solchen Situationen erlebe ich sehr oft eine Art innere Dissoziation. Für mich ist es ein Gefühl, wie wenn sich einzelne Teile von mir voneinander zu trennen scheinen und „das Dazwischen“ immer weniger durchlässig wird. Ich bin dann zwar noch als Gesamtpaket vorhanden aber die voneinander losgelösten Stücke in mir drin funktionieren nur noch voneinander unabhängig, kommunizieren nicht mehr miteinander. Oft nehme ich dann nur noch einzelne Aspekte von meinem Gesamt-Ich wahr und andere bleiben unerreichbar. So merke ich zwar meistens, dass ich spreche und mich bewege, nehme aber meine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen nicht mehr wahr. Was ich sage und tue, scheint direkt aus einem Nichts zu kommen, wo vorher eigentlich meine gedankliche und bewusste Steuerungseinheit war. Es ist in solchen Zuständen für mich immer extrem anstrengend, überhaupt noch „da zu bleiben“ und mit meinen Tätigkeiten weiterzumachen, weil sich alles so weit weg anfühlt und ich irgendwie nicht mehr ganz bei mir selber bleiben kann. Bisher war mir aber nie ganz bewusst, wieso sich das so schrecklich anfühlt. Erst in der letzten Woche wurde mir klar, dass dieses schreckliche Gefühl in Wahrheit genau diese Angst vor dem Auseinanderfallen ist. Ein krampfhafter Versuch, all meine Einzelteile zusammenzuhalten, so dass ich eben nicht auseinander falle oder mich irgendwie auflöse. Macht für mich erstmal komplett Sinn und erklärt mir einige unangenehme Erfahrungen. Was ich aber jetzt mit diesem Wissen anfangen soll? Naja, keine Ahnung…

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