Klartext 2: Ich habe Hunger

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass ich an einer massiven Essstörung leide. Vielleicht war es das auch nie – für andere. Für mich ist es noch gar nicht so lange her, da nannte ich das Kind niemals beim Namen. Ich benutzte unzählige Euphemismen für mein Essverhalten, wollte mir nicht eingestehen, dass ich vor lauter Kontrolle die Kontrolle verloren hatte. Aber seit ein paar Monaten sage ich es laut und deutlich. Wie könnte ich anders, sie (die Essstörung) schreit es mir schliesslich auch während jeder Sekunde des Tages, mit voller Wucht ins Gesicht. Das Problem besteht aber nicht erst seit ein paar Monaten. Vielleicht hat es seine Wurzeln sogar in meinem Baby-Dasein, wer weiss das schon. Was aber klar ist: Seit meiner Kindheit ist meine Ernährung nicht so, wie sie sein sollte. Ich habe mir über Jahre hinweg buchstäblich einen Schutz-Fettmantel angefressen. Ich war so lange dick, dass es für mich einfach normal wurde, mich hässlich zu fühlen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass es auch anders sein könnte. Dass ich auch kein Mobbing hätte erleben müssen. Dass ich mich auch nicht hätte schämen müssen. Dass ich auch keine Ausreden für das Duschen nach dem Sportunterricht hätte herausfinden müssen. Und ich wurde dicker und dicker und hasste mich und meinen Körper (ja, ich nehme diese zwei Dinge als getrennte Entitäten wahr) von Tag zu Tag mehr. Binge-Eating Disorder war ein Begriff, der mir nichts nützte, weil ich auch mit einem Namen für diese Krankheit genauso dick blieb wie ohne. Die Notbremse zog ich dann mit einem BMI von 34. Ich wog damals 96kg. Diese unglaubliche Nähe zur gefürchteten dritten Ziffer auf der Waage hat sich bis heute als Selbsthass-Verzweiflungs-Schmerz in mein Hirn eingebrannt. Aber es gab mir einen Antrieb, den ich vorher so noch nicht kannte. Es folgten Ernährungsumstellungen, Ernährungsberaterinnen (ja, es gibt da scheinbar nicht so viele Männer…), Diäten, Hungern ohne Erfolg, Kompensieren, Erbrechen, Fressen, Erbrechen, Fressen, Kompensieren und dann nach laaaangem Zähnezusammenbeissen endlich Hungern mit Erfolg. Knapp an der Bulimie vorbeigerutscht, blieb ich dann beim Hungern, denn scheinbar bin ich nicht wirklich ein Purging-Typ. Mein Alltag füllte sich mit Verboten und mein Magen blieb leer. Zwischendurch hatte ich zwar stabile Phasen (deswegen konnte ich mir wahrscheinlich auch so gut einreden, dass ich einfach „gesund esse“) aber schliesslich ist es doch immer wieder zu einer neuen restriktiven Phase gekommen. Jetzt wiege ich noch ein bisschen mehr als die Hälfte meines Maximalgewichts und habe, zusammen mit sehr viel Fett, auch mein Gefühl für mich selbst verloren. Mein Spiegelbild steht in keinem Verhältnis mehr dazu, wie ich mich spüre und sehe. Es kann einfach NICHT sein, dass ich so aussehe! Oder doch? Wer belügt hier wen? Ich kann niemandem – nicht einmal mir selber (vor allem nicht mir selber!) – vertrauen. Die Waage ist mein Feind, die Batterie der Waage ist mein Feind, das Essen ist mein Feind, das nicht-Essen ist mein Feind, jedes der 200 Gramm, die ich heute mehr wiege als gestern, ist mein Feind, mein Therapeut ist mein Feind und ich selber bin die Anführerin dieses Komplotts gegen mich selber. Meine Gedanken drehen sich häufiger als mir lieb ist um mein Körpergewicht, meine Fettpolster am Bauch, meine Affenarme, meine Schwabbelbeine, mein Hänge-Po, meine Hautfalten, meine Akne. Meine Gefühle bestehen vorwiegend aus Scham, Schuld, Hoffnungslosigkeit, Selbsthass und Hunger. Mein Verhalten wechselt sich ab zwischen zwanghaft anmutendem Checking-Behavior und merkwürdigen Fressattacken. Manchmal stopfe ich mich mit den gesündesten, kalorienärmsten Nahrungsmitteln dermassen voll, dass ich mit Bauchschmerzen ins Bett muss. Manchmal ernähre ich mich praktisch nur von Fisherman’s Friend (Cassis sind die leckersten!) und Coca Cola Zero, obwohl ich weiss, dass diese Dinge Heisshunger auslösen. (Aber hey, wieso nicht, wenn du ja sowieso bereits vor Hunger zergehst…). Manchmal blähe ich mich mit viel zu salzigem Essen so fest auf, dass ich mich am Tag danach nur noch von entwässernden Dingen ernähren darf (Wassereinlagerungen sind übrigens auch altbekannte Feinde von mir). Ich kenne mich mit Nährwerten wirklich äusserst gut aus, wüsste haargenau, wie eine gesunde Ernährung für mich aussehen würde, setze aber mein Wissen nur gegen mich ein. Und ja, ich hasse mich zusätzlich auch noch dafür, dass ich mittlerweile 26 Jahre alt bin und mich fühle, als ob ich an einem oberflächlichen, selbstverschuldeten, pubertären Wahn leide und jeder Person, die schwerer ist als ich, unrecht tue. Aber so einfach ist es halt doch nicht. Manchmal lebt es sich gar nicht schlecht mit so viel Kontrolle über den eigenen Körper und dessen Verdauungstrakt. Aber dann gibt es halt doch diese Phasen (wie jetzt gerade), in denen der Blick in den Spiegel einer gefühlten Selbstzerstörung gleichkommt.

Das musste mal gesagt werden.

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