Als ob

Immer wieder kommen Dr. Freud und ich auf ein Thema zu sprechen, welches ich in einem Seminar kennengelernt habe und mich seither nicht mehr loslässt. Es geht dabei um ein Konzept des mentalisierungsbasierten Therapieansatz, der insbesondere bei Borderline angewendet wird. In diesem Ansatz wird davon ausgegangen, dass Borderline-Betroffene nicht richtig gelernt haben, wie man mentalisiert. Das heisst, in Anspannungssituationen kann ihre Fähigkeit zur einigermassen adäquaten Mentalisierung vollständig zusammenbrechen und sie fallen quasi zurück in einen prämentalisierenden Modus (also in einen Funktions-Modus, in dem man sich als Kleinkind befindet, bevor man lernt, wie richtig mentalisiert wird). Einer dieser Modi nennt sich „als-ob Modus“ und zeichnet sich dadurch aus, dass die Brücke zwischen der inneren Welt (Gedanken, Emotionen, Anspannung, Impulse etc.) und der äusseren Realität nicht mehr geschlagen werden kann. Die zwei Teile sind sozusagen voneinander entfremdet oder entkoppelt. In diesem Modus wirken Betroffene paradoxerweise oft sehr reflektiert und funktionierend, machen sogar scheinbare Fortschritte. Da dies aber nur die nach aussen gerichtete Seite darstellt, wird oft nicht erkannt, dass die Verbindung zum Inneren nicht gemacht wird und dieses äusserliche Funktionieren nur eine Art Illusion ist. Sie wirken eben so, als ob sie reflektieren, Erkenntnisse haben, überlegt handeln etc. Dass ich mich an einem Grossteil meines Alltags in diesem Modus befinde, ist mir erst bei diesem Termin klar geworden. Dieses komische und irgendwie oberflächliche Sein, das ich so gut kenne aber noch nie wirklich erklären oder beschreiben konnte, ist also ein wirklich existierendes Phänomen. Zuerst habe ich mir dann natürlich Sorgen gemacht, dass ich während diesen Phasen nicht wirklich lebe. Aber mittlerweile denke ich anders darüber. Genau diese Zweifel an der „Echtheit“ des Seins in diesem Modus gehört mit zur Problematik dazu, ist also in diesem Rahmen gesehen normal. Auch die Tatsache, dass ich mich „als-ob“ fühle und verhalte ist nicht per se ein Problem. Denn wahrscheinlich liegt ein erster wichtiger Schritt darin, auch diesen Funktions-Modus als Teil von mir zu akzeptieren und nicht als unecht abzutun. Aber es scheint, als ob da noch ein steiler Weg vor mir liegen würde.

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