Ich trinke meinen Wein aus der Tasse

Ich konnte Weingläsern noch nie wirklich etwas abgewinnen. Weder ist mir klar, welches Glas für welchen Wein optimal geeignet ist, noch finde ich sie besonders schön oder auch nur ansatzweise praktisch. Für mich ist Wein auch kein Genussmittel im Sinne gesellschaftlich akzeptierten Genusses. Wein ist für mich ein Mittel zum Zweck. Der Zweck ist für mich, betrunken zu sein. So ist es auch mit allen anderen alkoholischen Getränken – vom Bier bis hin zum Schnaps. Den Geschmack mag ich nicht. Dafür gibt es aber zum Glück diverse ✨Überdeckungshilfen✨ wie Cola oder Tee (ja, ich bin Verfechterin von Tee mit Schuss, seit ich Marvel’s Jessica Jones gesehen habe). Aber zurück zu den Gläsern: Weingläser sind massiv überbewertet, wenn man keine Wein-Mögerin ist und ich bin mit Sicherheit keine Wein-Mögerin. Vielleicht liegt das an den Auswirkungen meiner Familiengeschichte. Bei uns gibt es ein paar nennenswerte Leute, die alkoholkrank sind. Das Spektrum reicht da von schädlichem Gebrauch bis hin zu fortgeschrittener Leberzirrhose. Alkohol hat viele Leben von vielen Menschen, die ich eigentlich lieben sollte, dies aber über die Jahre durch den ganzen Alkohol ein bisschen schwierig gemacht haben, vollkommen im Griff. Dadurch habe ich unfreiwillig miterleben müssen, wie es sich anfühlt, Besucherinnen, Postboten, Anrufern, Freundinnen und sogar Hotelgästen erklären zu müssen, „dass es momenten gerade unpassend ist, weil relevante Erwachsene gerade zu betrunken sind, um sich zur Tür/ans Telefon/zur Reception zu begeben oder dich nach Hause zu fahren“. Für ein Kind sollte das nicht zum Aufgabenbereich gehören. Es gab auch betrunkene Blicke auf gewisse Körperteile von mir (die definitiv nicht auf diese Weise betrachtet werden sollten) oder gelallte Kommentaren über mein Aussehen. Storys wie „das eine Mal, als ich vom Spital zum Blutspenden aufgeboten wurde, weil ich eine so seltene Blutgruppe habe und dann nach Hause geschickt wurde, weil mein Blut-Alkohol-Spiegel zu hoch war“ gehörten irgendwie schon fast zum guten Ton. Vor allem am Stammtisch des Hotels. Oder wie ich ihn nenne: Sammelpunkt für die Alkoholiker des Dorfes, um sich gesittet zu betrinken. Wenn ich das alles so schreibe, merke ich, dass ich wütend werde. Genauso wütend, wie die vielen Male, als zu hören bekam: „Die Blutwerte sind sogar seeeeehr gut“. Oder die anderen Male, als ich zu hören bekam: „Seht alle her! Es ist ihr peinlich, wenn ich > füge peinliches, betrunkenes Verhalten ein <?“ Aber ich merke auch, dass es wohl unter diesen Umständen einigermassen verständlich ist, dass mein Verhältnis zum Alkohol irgendwie nicht ganz normal ist. Also werde ich weiterhin die Tasse dem Weinglas vorziehen und die Auswirkungen dieses „Genussmittels“ stellvertretend für die erwähnten Menschen aufarbeiten.

Zum Wohl!

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