Kontrollver Lust

„Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Sie mal für ein paar Sitzungen auf der Couch liegen würden.“

Ideen eines Analytikers… Und so kam es dann auch. Aber erst nachdem mein innerlicher Widerstand bezwungen war. Und dieser Widerstand war immens! Woher er gekommen ist, weiss ich nicht genau. Ich, bzw. wir, führen es auf meine Angst, die Kontrolle zu verlieren, zurück. Wenn sich der Psychiater während der Sitzung nämlich nicht mehr im Blickfeld befindet, kann man diesen auch nicht mehr „kontrollieren“. Und es scheint ganz so, als ob ich das ständig machen müsste, um mich sicher genug zu fühlen, meinen Mist mit ihm teilen zu können. Mistrust-Scanning sozusagen. Aber ich habe mich, trotz ungutem Gefühl, darauf eingelassen (das muss man mir immerhin lassen). Also lief ich letzten Freitag – latent misstrauisch – in’s Therapiezimmer und erblickte dort die „Couch“ (eigentlich ist es nur ein Bett mit einer Decke drauf). Daneben seinen Sessel, der zuvor immer in der anderen Ecke des Zimmers gestanden hat. Mit viel innerer Gegenwehr legte ich mich auf diese „Couch“ und er setzte sich, ungefähr im 90-Grad-Winkel weggedreht, hinter die Kopfseite. Ich sah mich liegend um und innerhalb einer Hunderstelsekunde verkrampfte sich mein ganzer Körper. Jede Faser in und an mir schrie mich an: Setz‘ dich auf den scheiss Sessel und lass‘ es! Aber ich liess es nicht. Die Sitzung war schlimm. Ich hatte tatsächlich nicht die geringste Kontrolle über die Situation, nicht über mich und vor allem nicht über ihn. Was ich statt ihm krampfhaft anstarren konnte: über mir die Decke, rechts direkt über mir an der Wand ein Bild oder links an der gegenüberliegenden Wand ein Bücherregal. That’s it. Mit jeder Sekunde auf diesem Foltermöbel dieser Couch stieg meine Anspannung. Als Ventil hinhalten mussten meine Handrücken, die nach der Sitzung komplett zerkratzt waren. Mit steigender Anspannung wurde automatisch mein inneres Schutzschild namens Dissoziation aktiviert. Das Liegen machte das Ganze nicht besser. Also lag ich da, Handrücken kurz vor dem Bluten, innerlich wegdriftend, die wahrscheinlich nie da gewesene Kontrolle nicht mehr haltbar und stellte plötzlich fest: Wow, das ist gar nicht so schlecht! Im Moment als dieser Gedanke auftauchte, hatte ich ihn aber bereits wieder verdrängt. Es kann schliesslich nicht sein, dass ich nach all den Sitzungen plötzlich Gefallen am Verlieren der Kontrolle finde. Nicht mit mir!

Und ja… Morgen folgt Lie-Down-Session Nummer zwei.

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