Text für meine Therapie. Oder kreativer: Ich habe noch eine Viertelstunde…

…und dann muss ich mich bereit machen zum Loslaufen. Fünf Minuten zu Fuss, 10 Minuten im Bus, 20 Minuten im Zug, zackig die Strasse nach unten und die Stufen nach oben eilen. Dann entleert von jeglichen konstruktiven Gedanken oder nutzbaren Gefühlsregungen im Warteraum sitzen und darauf warten, dass mich meine Füsse ins Zimmer mit den braunen Sesseln bringen. Während dem Zimmerwechsel knirscht der Boden unter meinen Trampelbeinen. Dem grüssenden Blick des grossgewachsenen Therapeuten standzuhalten, ohne innerlich zu sterben, ist fast der schwierigste Teil der folgenden Stunde. Der Sessel – mein Sessel – nimmt mich in Empfang und fünfzig Minuten beginnen rückwärts zu laufen. Dann das Schweigen. Elend, zermürbend, kaum aushaltbar darauf warten, dass mein Mund zu sprechen beginnt und insgeheim hoffen, dass etwas Schlaues ausgesprochen wird. Dann beginnt es mir mit der altbekannten sozial erwünschten Sandra-Fassade zu sprechen. Sie redet darüber, dass sie nichts zu sagen wisse. Sie lächelt schief und ich frage mich, ob sie wohl gerade im Erdboden versinken möchte. Die angespannte Atmosphäre, die sich mit jedem ihrer Worte mehr im Raum manifestiert, bestätigt mir die Hypothese. Ihr Mund spricht inhaltslose Phrasen und ihr Körper scheint sich weiter und weiter weg von mir zu bewegen. Ihre Gefühle… Naja, ihre Gefühle sind unspürbar geworden. Da ist höchstens noch eine Restspannung übrig, die einen düsteren Hohlraum am Leben zu erhalten scheint. Ihr gegenüber sitzt der Analytiker. Das eine Bein schlägt er über das andere. Noch sieht das entspannt aus, geradezu lässig. Ob er wohl merkt, dass in ihr der Impuls anschwillt, aus dem Raum zu stürmen. Während dieser Drang grösser und stärker wird, sie ihm kaum mehr widerstehen kann, wandert ihr Blick immer wieder zum Fenster. Als ob sie sich einen Ausweg suchen würde, den sie im Notfall zur Verfügung hätte. Aber sie bleibt sitzen. Sie hat gelernt, wie sie ihre inneren Regungen versteckt hält. Eine Meisterin der Unauffälligkeit. Getarnt als Sandra-Fassade versucht sie krampfhaft ihre inneren Teile zusammenzuhalten, ihre Wirkung nach aussen vollkommen zu kontrollieren, ihre Themen schlummern zu lassen. „Es ist Zeit“, sagt der Mann auf dem Sessel nachdem die letzte Minute abgelaufen ist. Aber das weiss sie bereits. Denn ein Teil von ihr hat sich bereits bei seinem ersten Blick auf die Uhr verabschiedet.

3 Kommentare zu „Text für meine Therapie. Oder kreativer: Ich habe noch eine Viertelstunde…

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